11. Juli 2018 — Migration

Der Text entstand für die dritte Warm-Up Veranstaltung Ängst vor Sprache im ACUD (Veteranenstrasse 21, Mitte) im Vorfeld zur Konferenz Ängst is now a Weltanschauung (Juni 2018 in Berlin). Die Autorinnen Özlem Özgül Dündar, Afsane Ehsandar und Maria Milisavljević begegneten einander in Dialog und Sprachspiel über die Grenzen von Identitäten, Sprachen und Nationen und performten gemeinsam mit Sandra Gugić von Nazis & Goldmund, welche auch die Textcollage komponierte. Sound: Lukas Lauermann, What I Remember Now I Remember How, col legno, 2017; Video: Martina Milisavljević, Essenz, 2014

[Lukas Lauermann, track 3, words two and words three, 1:05]

A: wir gehen so aneinander vorbei wir streifen einander und weil wir uns kennen grüßen wir einander so mit einem nicken zeigen wir dass wir einander kennen dass wir uns schon begegnet sind vorher einmal und unsere gesichter wiedererkennen wenn wir nicken dann ist das dieses zeichen es sagt ich erkenne dein gesicht du läufst mir oft über den weg du wohnst auch hier in dieser gegend das steckt in diesem nicken es sagt ich kenne dich ich nicke nicht jedem zu menschen die ich nicht kenne noch nie gesehen habe denen nicke ich nicht zu außer es sind ganz alte menschen bei alten menschen ist das was anderes die sind so alt und gebrechlich die können nicht anders als gut sein weil sie eben auch nichts mehr machen können ihre körper können nicht anders sie können vielleicht gerade mal gehen so spazieren gehen und noch ihren alltag etwas bewältigen sich selbst waschen das können sie schon nicht mehr im alter wird man wieder zu einem baby als solches wird man geboren und dahin verfällt man wieder zurück bei alten menschen ist das anders denen nicke ich auch so zu so als zeichen meiner achtung vor ihrem alter jemand der schon so alt geworden ist der hat meinen respekt irgendetwas hat dieser alte mensch richtig gemacht da steckt eine weisheit drin vor der ich achtung habe und ein bisschen solidarisieren man sich ja auch mit den alten denn man weiß ja irgendwann in nicht allzu langer zeit werde ich auch alt sein und wenn ich dich annicke dann bedeutet das eben schon was und du nickst zurück und das bedeutet auch was

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B: Ich bin gerade an Bord, im Flugzeug, besser gesagt, bin in der Toilette des Flugzeugs, habe die Tür verschlossen und mich eingesperrt. Die gesamte Crew, alle Flugbegleiter stehen vor der Tür, sie schreien so laut und rufen mich.
ALLE (C, D, A): Raus, kommen Sie raus, bitte.
ALLE (C, D, A): Werfen Sie sie nicht in den Mülleimer.
ALLE (C, D, A): Löschen Sie sie sofort im Aschenbecher.
B:Ja. Ich bin in der Flugzeugtoilette und habe drei Zigaretten geraucht und nun zünde ich mir die Vierte an. Halten Sie mich aber nicht für verrückt. Ich weiß genau was ich mache, was ich will. Ich rauche nicht, weil ich mich total aufrege, sondern weil ich dieses Flugzeug zur Notlandung bringen oder nach Berlin zurück zwingen will. Ich will nicht mehr in meine Heimat fahren. Tatsächlich habe ich keine Heimat mehr. Sie können schreien, sie können mich schimpfen, mich bestrafen oder ja, mich festnehmen, ich pfeif auf alles. Das Flugzeug darf um keinen Preis in meiner Heimat landen.
Keine Sorge. Die Zigarette werfe ich nicht weg. Ich habe noch nicht vor zu sterben, aber vor genau 15 Minuten habe ich beschlossen, meine Heimat nicht wieder zu sehen, nie.
Alles beginnt mit einem Traum, einem sehr beunruhigenden und furchtbaren Traum, den ich vor ein paar Stunden hatte, ich kann mich an jedes Detail dieses Traums erinnern.

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[Lukas Lauermann, track 8, sterile pression 6, 1:20]

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D: Sie sprechen aber gut Deutsch.

A: Danke, Sie auch.

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B: Ein Traum von meiner Heimat. Ich träume oft von meiner Heimat, aber diesmal war es anders als sonst. Ich war in meiner Heimatstadt, nach fast fünfzehn Jahren, aber die Stadt war mir vollkommen fremd. Die Gebäude, die Straßen, die Plätze, alles. Es war so, als hätte ich nie dort gelebt. Ich lief ganz langsam, ganz vorsichtig herum, sah die Straße hinauf und versuchte meine Erinnerungen wiederzufinden aber sie waren spurlos aus meinem Gedächtnis gelöscht.
Die Stadt war nicht modernisiert worden, im Gegenteil, sie sah genauso aus wie die alte Stadt, die ich kennen sollte, aber alles schien mir vollkommen fremd. Tatsächlich ist meine Heimstadt oder damals war meine Heimstadt nicht so groß. Als ich dort lebte, kannten die Menschen einander, die Einwohnerzahl war recht gering ohne die Touristen. Aber im Traum waren mir alle Gesichter auf der Straße fremd, nicht nur die jungen, sondern auch die Leute in meinem Alter. Waren alle Touristen?
Ich war doch nur 15 Jahre weg, was war hier geschehen?

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C: 1941. Stalag VI-A. Läuse, Ratten, schlechtes Essen. Jeden Morgen kommen sie mit dem Karren vorbei, die Toten einsammeln. Oben auf dem Hügel werden die leblosen Körper in das große Loch gekippt. 23.470 Gefangene sterben im Stalag VI-A, dem größten Strafgefangenenlager in Deutschland. Hemer. Westfalen.

A: Hier vielleicht eine semi-lustige, also spannende Story dazu. Denn aus dem Stalag, also dem Strafgefangenenlager, wurde nach dem Krieg eine Kaserne und die wiederum erst Mitte der Neunziger geschlossen und auf dem Gelände hat die Stadt dann einen Park angelegt, den sie mit der Landesgartenschau eingeweiht haben. Rabatten auf Massengräbern. Das ist das gute am Verdrängen. Irgendwann wachsen einfach Blumen drauf.

D: Oder Disteln.

A: Oder Disteln. Ja.

D: Und das war jetzt semi-lustig?

A: Also spannend.

D: Aber nicht lustig.

A: Ich weiß.

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C: Nein, mehr weiß ich nicht. Ich war nicht da. Ich weiß nicht mehr, als das, was man mir erzählt hat.

Nein, ich spreche kein Serbisch. Nein, auch nicht ein bisschen. Ich war noch nie in Serbien. Ja. Echt. Ja, das gibt’s nicht. Ja, peinlich. Ja, armselig. Ja, auch schade. Ja, komisch. Vorallem: komisch.

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B: In den Träumen zuvor warteten Freunde und Verwandte am Flughafen auf mich, aber diesmal fand ich mich in einer ganz anderen Welt wieder.
Ich nahm ein Taxi – aber wohin wollte ich eigentlich. Mir fiel keine Adresse ein, keine Straße, kein Platz, keine Namen, überhaupt nichts. Mein Kopf war völlig leer. Ich war nervös, ratlos und ängstlich. Ich sagte mir, dass das normal sei, dass man nach dem langen Flug einfach müde und erschöpft sei.

Genau wie in diesem Moment, in dem ich auf der Toilette sitze, und mich an nichts erinnere, überhaupt nichts. Ich weiß nicht mehr, warum ich in meine Heimat reisen wollte, warum ich diesen Flug gebucht hatte. Ist ein Mitglied meiner Familie gestorben? Geht es einem Freund sehr schlecht? Wollen Verwandte von mir heiraten? Warum bin ich in diesem Scheißflugzeug?

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D: „Eine Person hat dann einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren ist.“
Die Definition umfasst im Einzelnen folgende Personen:
Erstens: zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer
Zweitens: zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte
Drittens: (Spät-)Aussiedler
Viertens: mit deutscher Staatsangehörigkeit geborene Nachkommen der drei zuvor genannten Gruppen.
Quelle: Statistisches Bundesamt: Fachserie 1, Reihe 2.2 Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Bevölkerung mit Migrationshintergrund, Ergebnisse des Mikrozensus, Wiesbaden 2017.

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[Lukas Lauermann, track 9, words five,1:04]

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B: Ich sagte dem Taxifahrer nur ein Wort: Hotel.
Reiß dich zusammen, du musst dich beruhigen, sagte ich zu mir selbst.
Ich musste an meine Mutter denken, wie sie mich als Kind in den Armen gewiegt hat, vor und zurück, vor und zurück und dabei ganz leise gesungen hat, bis ich einschlief. An die Melodie und das Lied erinnere ich mich gut. Alles sei in Ordnung, ich bin Herr der Lage, sagte ich mir. Dann kam mir eine Idee in den Sinn: Vielleicht hatte ich den falschen Flug gebucht und war deswegen in einer fremden Stadt gelandet. Ja, das konnte sein. Ich bin manchmal so sehr verwirrt, ich bin einfach überarbeitet. Für alles gibt es einen Grund!
Das hatte ich in meinem Traum gedacht, aber jetzt glaube ich das nicht mehr. Ich weiß jetzt, in welche Stadt ich fahre. Im Traum habe ich nicht auf meinem Flugticket nachgesehen. In Träumen verhält man sich anders als im realen Leben, man benimmt sich oft wie ein Idiot.

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A: und das bedeutet auch was und dann begegnen wir uns wir kommen so von weitem aufeinander zu wir gehen und gehen und begegnen uns in dem moment wo unsere schritte genau so stehen dass wir vollen blick aufeinander haben uns praktisch gegenüberstehen da nicken wir da passiert dieser gruß und dann ist der moment vorbei dann gehen wir schon aneinander vorbei und der moment ist verflogen genau diesen moment ergreifen wir um uns zu grüßen also alle menschen machen das so man grüßt sich wenn man von angesicht zu angesicht steht wenn man zu weit weg voneinander ist dann geht es nicht dann würde man sich grüßen und noch in diesem gesicht zu gesicht verharren müssen bis man endlich aneinander vorbeigelaufen ist und damit das nicht passiert damit kein verharren entsteht wartet man den moment ab wo die gesichter die perfekte entfernung voneinander haben dass sie sich voll sehen und erkennen auch die mimik des gesichts gegenüber voll erkennbar ist und dann nickt man oder sagt hallo und der moment verläuft dann auch sofort wo dieses grüßen passiert ist und man geht aneinander vorbei und hat kurz mitgeteilt ich kenne dich ich erkenne dich du läufst hier umher wie ich und du läufst dieselben wege wie ich tag ein tag aus wir leben hier das hat man damit gesagt und das machen wir oft denn wir begegnen uns oft und manchmal da sag ich so etwas wie guten tag denn richtig kann ich das nicht sagen und du nickst dann zurück und dann sagst du auch guten tag

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C: Sie sind eine Person mit Migrationshintergrund, weil sie die erste Generation sind, die mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Ihr Vater wurde zwar auch in Deutschland geboren, aber nicht mit Deutscher Staatsangehörigkeit, die bekam er erst mit 6. Richtig? Also war er „nicht zugewanderter Ausländer“. Also haben sie Migrationshintergrund. Da machen sie das Kreuz dann hier.

D: Was?

C: Weil es so Quoten gibt bei der Stipendienvergabe. Und mit Migrationshintergrund haben sie mehr Chancen.

D: Hab ich ohne keine Chancen?

C: Doch, aber eben mehr mit Migrationshintergrund oder als Frau oder sie haben Kinder. Haben sie Kinder?

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B: Ich fragte den Taxifahrer, wie diese Stadt heißt, aber er schaute mich nur merkwürdig an und antwortete nicht. Ich wusste ja, dass diese Frage lächerlich erscheinen musste. Er beobachtete mich die ganze Zeit argwöhnisch im Rückspiegel. Wahrscheinlich hatte ich ihn erschreckt. Auf jeden Fall musste ich erfahren, wo ich eigentlich war. Ich versuchte den Namen der Stadt auf den Straßenschildern, den Namen der Läden oder in den Schaufenstern der Banken zu entdecken. Aber der Blick des Taxifahrers irritierte mich und brachte mich aus meiner Konzentration. Wie konnte ich ihn abschütteln, diesen verdächtigen Blick. Denk nach! Denk nach, verdammt!
–Die Stadt ist vollkommen verändert, sagte ich so freundlich, wie ich konnte, ich wurde hier geboren, bin hier aufgewachsen, aber bin vor Jahren weggegangen. Der Name dieser Stadt ist so schön, wissen Sie, woher der Name kommt? Der Taxifahrer reagierte nicht. –Ich meine, kennen Sie die Geschichte und Bedeutung des Namens?
–Sind Sie Deutscher?
–Nein, aber ich wohne schon seit Langem im Deutschland.
–Deutscher, Sie sind Deutscher.
–Nein. Ich wurde in dieser Stadt geboren, bin hier zur Schule gegangen, habe studiert in der ..., wie heißt die Universität?
–Deutscher. Deutscher. Der Taxifahrer lachte laut auf.
Meine Hände fingen zu zittern an, mir wurde plötzlich kalt. Die Kälte kroch in meine Knochen, ich fühlte mich wie gelähmt.

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A: So you’re the German.

C: Yes.

A: That sucks.

C: No, it doesn’t. You see. Usually, in Germany, I’m not the German. So it’s kind of nice. To be considered German.

A: Are you not? Because of the name?

C: It’s not a German name.

A: All that name tells me is that you’re white. White and privileged.

C: Welcome to Canada!

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B: Meine Hände fingen zu zittern an, mir wurde plötzlich kalt. Die Kälte kroch in meine Knochen, ich fühlte mich wie gelähmt.

Genau wie jetzt, in diesem Moment, klatschnass geschwitzt laufen mir Kälteschauer über den Körper. Deswegen zünde ich mir meine fünfte Zigarette an. Sie schreien immer noch vor der Tür und versuchen nun, die Tür mit Gewalt aufzumachen. Aber sie schaffen es nicht. Zurück nach Berlin - das habe ich ihnen hundertmal gesagt.
Ich weiß, dass Sie mich für einen Idioten halten. Nur wegen meinem Traum will zurück. Nein, sie wissen nicht, was mir in meinem Traum genau passiert ist. Sie können es sich nicht vorstellen.

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[Lukas Lauermann, track 12, words seven, 0:39]

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D: You have never slaughtered a chicken?

A: No.

D: Seriously?

A: Why would I.

D: Didn’t your grandparents teach you.

A: But yours taught you.

D: Yes.

A: So you can teach me.

D: Sure.

A: Good. And I’ll teach you something in return.

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C:
und dann sagst du auch guten tag und dann haben wir so ein wort gewechselt aber dann ist der moment schon vorbei und ich kann nicht stehen bleiben und weiter reden so etwas wie einen fetzen smalltalk zwischen uns werfen so etwas beiläufiges wie über das wetter reden ach wie schön ist das wetter heute oder ach heute ist es aber kalt und dann kommt man vom hölzchen aufs stöckchen und man betreibt konversation so ein richtiges gespräch man redet über das wetter und beiläufig über die kinder oder den einkauf und dann führt man längere gespräche und dann kommt man auf die idee einen kaffee zu trinken oder tee und dann sitzt man zwischen seinen vier wänden und spricht über alles zwischen seinen vier wänden da spricht man dann einfach über alles ohne die zeugen auf der straße ohne die zeugen im treppenhaus ohne zeugen die an einem vorbeigehen oder um einen herumstehen und einen anstarren und den worten lauschen und nur in diesem text kann ich diese dinge sagen in diesem raum den jeder betreten kann den jeder hören kann hier wo alles offen liegt wo keine vier wände meine worte verstecken die nur für dich gedacht sind in diesem raum kann ich sprechen wo alle auf meine auf unsere worte starren wo alle an unseren lippen kleben um die worte die wir sagen zu hören wo meine stimme bis in die ohrmuscheln und die tiefen des gehörs und bis in die zellen jeder und jedes einzelnen dringt und meine stimme zu den wänden den tischen den stühlen und bis zu den körpern reicht wo nichts entgeht wo kein wort zwischen vier augen bleibt

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B: In dem Traum dachte ich mir: Du benimmst dich, als wärst du nicht ganz bei Trost. Ich hörte auf, dem Taxifahrer Fragen zu stellen. Er ließ mich nicht aus den Augen, alle zwei Minuten sagte er leise Deutscher und lachte vor sich hin. Aber woher wollte er wissen, dass ich aus Deutschland kam. Ich sah auf meinem Koffer nach, aber da war kein verräterisches Bändchen vom Boarding. Vielleicht hatte mich meine Körpersprache verraten, oder meiner Gestik und Mimik, vielleicht hatte er es daran gemerkt. Nein, das konnte nicht sein. Ich habe mich nicht so stark verändert, ich sehe überhaupt nicht aus wie ein Deutscher und außerdem haben Deutsche keine besonders auffällige Körpersprache. Ich bekam regelrecht Angst vor dem Taxifahrer. Während ich noch überlegte, wie ich ihn loswerden konnte, bemerkte ich plötzlich einige Leute auf der Straße, sie tanzten und waren merkwürdig gekleidet. Ich sah auf mein Handy. Ich hatte recht, es war der 30. März. Genau wie heute.
–Was ist das?, fragte ich.
–Ein Volksfest.
–Wie bitte? Am 30. März darf man nicht tanzen. Das ist Tabu!
Der Taxifahrer schwieg.
–Gott, heute ist Karfreitag. In jedem Land sind am Karfreitag Tanzen und Partys verboten.
–Volksfest, Deutscher.
Ich zeigte ihm mein Handy. –Schauen Sie auf den Kalender, heute ist Karfreitag. Ich wurde schon einmal für Tanzen und Feiern am Karfreitag mit 1000 Euro Bußgeld bestraft.
–Volksfest. Er sagte nur zwei Worte: Volksfest. Deutscher.
Ich dachte mir, dass hier wahrscheinlich ein anderer Kalender gelten müsse. In diesem Moment war ich mir ganz sicher, dass ich in der falschen Stadt war. Es gab kein Volksfest in meiner Stadt. –Ich muss zum Flughafen zurückfahren, sagte ich ihm aber er reagierte nicht. Ich begann zu schreien –Flughafen, Flughafen. Sind Sie taub? Er hielt sein Taxi vor der Polizei an.
–Was zum Teufel machen wir hier?
–Deutscher ohne Visum, sagte er.
–Ich brauch kein Visum, Pisskopf, ich wurde hier geboren.
Er rief nach einem Polizeibeamten und ich stieg rasch aus.
Ich rannte und rannte, bis ich vollkommen erschöpft war. Die Stadt war dunkel und unheimlich. Ich fragte einige Leute nach dem Namen der Stadt, nach der Richtung zum Flughafen, aber die Einwohner dieser Stadt verhielten sich total merkwürdig. Manche reagierten nicht, andere wichen von mir zurück, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Ich fühlte mich hilflos. Ich weinte, weinte.

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[Lukas Lauermann, track 1, sterile pression 2 and words one, 1:06]

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D: Ein Foto. Ein Foto an meiner Wand. 1945. Borisav, Opas Vater, Radenka, seine neue Frau, Vuča, 10, Branka, 11. Opas Elternhaus. Kleine Rundbögen und Säulen im Vorbau. Weiß verputzte Wände, unter dem kleinen Fenster bröckelt der Putz. Strickjacken, Radenka und Branka mit Kopftuch, Vuča und Borisav mit Šajkača, nackte Füsse, von der Arbeit gezeichnete Hände. Nur Branka blickt in die Kamera. Vuča wird im Sommer drauf an Tuberkulose sterben.

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A: Sie sprechen aber gut Deutsch.

D: Danke, sie auch.

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C: Häftling Nummer 51.305.

  1. Regiment Infanterie neunte Kompanie.

Am 14. April ‘41 in Gostivar gefangen. Zwei Tage nach seinem 22. Geburtstag und nur 200 km von Zuhause.

Opas erste Begegnung mit Deutschen. Ein Partisanenangriff. Deutsche Soldaten holen seine beiden Brüder aus ihren Häusern und erschießen sie auf offener Straße. 10 Serben für jeden toten Deutschen.

Opas zweite Begegnung mit Deutschen. Er steigt aus dem Zug. Nach Wochen des Fussmarsches und Zugfahrens. Eine kleine Stadt in Hemer. Westfalen. Vom Bahnhof die Straße rauf ins Lager. Die Häuser am Straßenrand haben Balkone. Auf den Balkonen stehen Menschen. Sie rufen ihm zu. Er weiß nicht was. Sie spucken auf ihn. Er weiß nicht warum.

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A: Someday I will paint my face blue and sit on a subway platform and stare at you and you will stare back. And we will be lovers.

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[Lukas Lauermann, track 1, sterile pression 2 and words one, 1:06]

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B: Ich weiß nicht wie und warum, aber plötzlich befand ich mich in einem Club, es war dunkel und die Tanzfläche war voller Menschen. Sie tanzten zu einem schönen Lied, das ich in meiner Jugend immer auf meiner Gitarre gespielt habe. Endlich erkannte ich etwas wieder, endlich kamen mir Erinnerungen aus meiner Vergangenheit in den Sinn, nicht nur dieses Lied, sondern auch die Gesichter meiner Freunde, meiner Eltern kamen zurück. Die Erinnerungen, die Bilder waren ganz klar. Ich war glücklich. Ich begann zu tanzen, wie alle anderen in dem Club, ich schloss meine Augen und begann gemeinsam mit den anderen zu singen. Im nächsten Augenblick hörte ich nur mehr meine Stimme. Es war plötzlich ganz still. Ich öffnete die Augen und alle starrten mich an wie einen Feind. Sie sahen so wütend aus. Was hatte ich falsch gemacht? Hatte ich zu laut gesungen oder zu falsch? Ich schämte mich und eilte zur Bar, um ein Bier zu bestellen. Die anderen fingen wieder an zu tanzen. Ich dachte mir, vielleicht habe ich falsch getanzt oder irgendetwas anderes falsch gemacht, weil ich meine Augen geschlossen hatte. Es musste ein Missverständnis sein. Ich musste wieder an meine Mutter denken, wie stolz sie auf mich gewesen war, wenn ich dieses Lied gespielt hatte.
Jetzt erinnerte mich nicht, welches Lied es war. Was habe ich früher auf meiner Gitarre gespielt? Mein aktueller Zustand schien schlechter zu sein, als mein Traum.
Ich merkte nicht, dass ich wieder zu singen angefangen hatte, als ein großer Mann mich heftig zu schubsen begann, bis ich zu Boden stürzte. Alle begannen durcheinander zu schreien –Deutscher, Deutscher! Der Mann packte mich. Ich fragte ihn: Warum tun Sie das?
Er sagte –Deutscher, Deutscher.
–Ich wurde hier geboren. Ich bin einer von euch.
Er schlug hart zu, immer wieder und wiederholte dabei: Deutscher, Deutscher.
–Ich habe diese Stadt immer geliebt, heulte ich.
Alle Einwohner der Stadt sammelten sich um mich und nannten mich Fremde.
Sie spuckten mich an. Plötzlich fand ich mich in einem Grab wieder. Sie warfen Erde in mein Gesicht. Ich konnte mich nicht bewegen und spürte, wie sich das Grab langsam nach unten bewegte. Sie wiederholten die Worte: Fremder, Deutscher. Nur meine Mutter stand über meinem Grab und schwieg.

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D: Jedes Jahr am 30. November macht Oma für Opa süßen Weizenbrei und backt einen Brotkuchen. Opa zündet eine Kerze an und liest aus der Bibel vor.
Wir essen und hören dann zu. Opa liest vor vom heiligen Andreas.
„Unser Familienpatron,“ sagt Opa. Opa liest von der Berufung der ersten Jünger. Aus der kleinen schwarzen Bibel mit den roten Seitenrändern. Und wir verstehen kein Wort.

Es ist Hochsommer und Opa trägt wie immer einen Wollpullover und seinen braunen Cordhut. Sitzt da oben am Weg auf der Bank und blickt über die Hügel. Eine Hand am Stock, die andere auf den Oberschenkel gelegt. Seine Augen wandern, folgen Fusswegen und Flügelschlägen. Opa rastet nicht, er wacht. Opa ruht nicht, nie. Und seine Haut ist dunkel von der Sommersonne und seine Haare noch immer dicht, aber seine Bartstoppeln mittlerweile grau. So sieht er zu uns Kindern rüber, unter buschigen Augenbrauen hervor.

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B: Sie schreien hinter der Tür durcheinander:
ALLE (C, D, A): Ausländer sind immer so. / Er ist kein Deutscher. / Er ist dumm. / Ausländer halten sich nicht an Regeln. / Arschloch.
B: Ich stecke mir die Finger in die Ohren und schreie: Haben Sie meinen Ausweis gefunden? Was ist eigentlich meine Muttersprache? Warum fällt mir kein Wort in meiner Muttersprache ein? Reden Sie nicht mehr Deutsch mit mir. Hatte ich eigentlich eine Muttersprache?
Ich will nicht mehr nachdenken. Ich versuche nicht mehr, meine Erinnerung zu rufen, nie.

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A: Ich habe einen Mann in der U-Bahn gesehen mit einem blauen Gesicht. Ich hab ihn schon auf dem Bahnsteig gesehen, als ich die Treppe hinunter ging. Sein Gesicht war blau angemalt, mit schwarzen Kringeln auf den Wangen und einem roten Tropfen zwischen den Augenbrauen. Er hat auf einer Bank gesessen und einen anderen Mann angesehen. Die beiden haben sich tief in die Augen gesehen. Hin und wieder hat der Blaue dem anderen seine Hand aufs Bein gelegt. Es sah aus, als wären beide alte Freunde oder Liebhaber. Als der Zug kam, sind sie eingestiegen und haben sich zu mir in den Vierer gesetzt. Sie haben geredet und es war klar, dass sie sich eben erst getroffen hatten. Dort auf dem Bahnsteig. Und als der andere dann nach vier Stationen ausgestiegen ist, hat der Blaue mich angesehen und gefragt, wie es mir geht. Er hat begonnen zu reden von Masken und einer Dokumentation, die er am Abend zuvor gesehen hatte. Über Menschen und die Masken, die sie tragen. Er hat begonnen zu reden, von seiner Kindheit und seiner Familie. Und davon, wie glücklich er ist.

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C: in dieser sekunde nachdem wir uns zunicken nein in weniger als einer sekunde in diesem zeitrahmen in der wir nicken und noch im gehen sind da muss es passieren du bist im gehen und ich bin im gehen ein wort nein mehrere worte müssen aus meinem mund kommen und dann kommen unsere schritte zu einem halt dann kann es passieren dass wir reden erst über das wetter und von da weiter einfach über alles das ist der moment zwischen deinem nicken und meinem nicken weniger als eine sekunde vielleicht sogar so schmal ist das fenster in dem es passieren kann und dann müssen worte aus meinem mund kommen worte die deine schritte zum halten bringen und die worte stecken in mir in meinen lungen und dringen bis zu meiner kehle und bleiben stecken denn ich kenne deine sprache nicht und ich kenne nur die worte meiner sprache und die bleiben in meiner kehle stecken wenn unsere gesichter aufeinander treffen da bleiben die worte in mir stecken um mich herum schwirren die worte deiner sprache sie sind in der luft praktisch zum greifen nahe wenn ich sie fangen in mir aufsaugen könnte wenn ich das material dieser sprache mit meinen händen greifen und formen könnte ich will mit dir sprechen ich will etwas sagen und dann nicken wir einander zu und der moment streift so an uns vorbei.

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A: Someday I will paint my face blue and sit on a subway platform and stare at you and you will stare back. And we will be lovers.

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ALLE:
wir gehen so aneinander vorbei wir streifen einander und weil wir uns kennen grüßen wir einander so mit einem nicken zeigen wir dass wir einander kennen dass wir uns schon begegnet sind vorher einmal und unsere gesichter wiedererkennen wenn wir nicken dann ist das dieses zeichen es sagt ich erkenne dein gesicht

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[Lukas Lauermann, track 9, words five, 1:04]

B: Wer spricht? Wer erklärt uns die Welt?
C: Wer nimmt uns die Angst? Oder schürt sie?
A: Welche Sprache in uns formt unser Denken, unseren Mut?
D: Warum geht in politischen Krisen immer zuerst die Sprache vor die Hunde?
B: Wie war Ihr erstes Gespräch in einer Fremdsprache?
A: Ist Migration das Hauptwort unserer Zeit?
C: Ist Heimat dort, wo noch niemand war?
B: Warum haben Worte so oft beängstigend ähnliche Formen?
D: Findet Distanz immer in Nebensätzen statt?
A: Wie definiert sich Identität, wenn man nicht (mehr) das Gefühl hat zu einer (bestimmten) Gruppe, einem Ort, einer Kultur und zu einer Familie zu gehören?
B: Denken Sie, dass sich die Welt (oder: Ihr Umfeld) ein bestimmtes Bild von Ihnen gemacht hat, das Ihnen für alle Zeiten (oder: für immer) anhaften wird?
C: Darf oder muss Kunst Handlung sein?
D: Haben Sie noch irgendwelche Fragen?

[Lukas Lauermann, track 12, words seven, 0:39]


Ängst vor Sprache Kollektiv — ----
Özlem Özgül Dündar | TUR Autorin | geboren 1983 in Solingen, lebt in Leipzig und Solingen. Studium der Literatur und Philosophie in Wuppertal sowie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie schreibt Lyrik, Prosa und Szenisches und tritt mit ihren Kollektiven GID, Kaltsignal und Kanak Attak Leipzig auf. Ihr Lyrik-Debüt gedanken zerren (ELIF Verlag) ist 2018 erschienen. Im Juli 2018 wurde sie beim Ingeborg-Bachmann-Preis mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet.
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Afsane Ehsandar | IRN Autorin | geboren 1981 in Teheran. Seit Juli 2014 lebt sie in Deutschland, Studium an der Universität für Drama und Literatur in Teheran. Schreibt Theaterstücke und Hörspiele. 2017 Preis der Autorentheatertage am Deutschen Theater, Berlin für Welches Jahr haben wir gerade?
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Maria Milisavljević | DEU Autorin | geboren 1982 in Arnsberg (Westfalen), lebt in Berlin. Studium der Englischen Kulturwissenschaft, Literatur und Kunstgeschichte. Schreibt Theatertexte. 2013 Kleistförderpreis für junge Dramatik. Ihr Stück Beben wurde für den Mülheimer Dramatikerpreis 2018 nominiert, sowie mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkt 2017 und dem Else-Lasker-Schüler-Stückepreis 2017 ausgezeichnet. Die Österreichische Erstaufführung von „Beben“ findet im Dezember 2018 am Burgtheater statt.