Hoffnung und Sorge oder: I vowed to disappear as softly as I can (only to re-appear as fiercely as you could never imagine)

31. Oktober 2018 — Queeres

1

Eine Stunde ist gewonnen.
Eine Stunde.
Zum letzten Mal wurden die Uhren in der Bundesrepublik auf Winterzeit umgestellt.
Die Busse und U-Bahnen und Fähren fahren langsamer an diesem Tag, weil sie unsicher sind, ob sie pünktlich sein sollen oder nicht, ob sie zu früh sind oder zu spät, ob noch Leute zu den Haltestellen und in die Stationen gestürmt kommen, deren Uhren nicht mitkamen, sie nicht mitnahmen, sie täuschten, die Umstellung vor ihnen verbargen.
Es ist zu spät.
Die Menschen hatten eine Stunde Schlaf on top, doch weil mehr Schlaf im Spätkapitalismus (der immer zu früh ist) nur dazu führt, dass alle erschlagen sind (sie funktionieren besser mit wenig Schlaf und viel, viel Aufputschmittel), deshalb ist es für sie zu spät.
Alle sind zu früh dran und dennoch zu spät.
Genügend Müdigkeit für alle ist da.
Ja.
Doch einige sind überwach.
Und einige haben die Augen offen, aber träumen.
Auch die EU, auch sie träumt. Sie träumt davon, sich mit der Entscheidung zur Zeitumstellung wenigstens einmal anders inszeniert zu haben.
Die neue EU: basisdemokratisch, volksnah, angeschmiegt an die Realität. Die neue EU schmust mit den Menschen, die sie bewohnen.
Nur schmusen die nicht zurück.
Zum letzten Mal wurden die Uhren in der Bundesrepublik auf Winterzeit umgestellt. Und beim nächsten Mal, wenn wir am Rad drehen, wird der Zeiger sich zum letzten Mal vorbewegen, um für immer Sommerzeit anzuzeigen, forever and ever.
Und was dann?
Die Winterzeit wird verschwinden.
Nur der Winter bleibt, er wird härter.
Und wie weiter?
Wie stellen sich die Uhren an, während in Polen, in Ungarn, Österreich, in Sachsen und Bayern, während in Großbritannien und den USA, in Russland und der Türkei die Zeiten ganz global umgestellt werden, von demokratisch auf autoritär?
Währenddessen atmen die Linksliberalen in Schweden auf, wenn die Rechtsextremen doch nicht so viel gewinnen, obwohl es für die nur ein Atemholen ist vor dem nächsten Anlauf.
Währenddessen erhängen sich Kinder in Lagern für Geflüchtete im Süden Europas.
Währenddessen sind die Bäume verwirrt, sie verlieren Blätter, die schon im Sommer braun waren und verschrumpelt und nicht mehr wussten, ob sie noch nicht fallen sollten oder doch: fallen und sich unter sich selbst begraben.

2

Genug der Depression.
Tut mir leid, sage ich zu meinem Lover, im Herbst bin ich einfach so.
Tut mir leid, sage ich, in ein paar Wochen ist es besser. Der Oktober ist immer der schlimmste Monat, gleich nach November. Oder ist November der schlimmere? Im November will ich immer nur schlafen.
Wenn ich im November nur schlafe, sage ich zu meinem Lover, liegt es nicht an dir, vertrau mir.
Dabei kann ich gar nicht schlafen.
Auch im November werde ich nicht schlafen. Seit zwei Jahren, seit dem November vor zwei Jahren, schlafe ich schlecht.
Remember, remember, the 9th of November.
Tut mir leid, dass ich schlecht schlafe, sage ich zu meinem Lover, und was ich nicht sage ist, dass ich manchmal gut schlafe, immer dann gut schlafe, wenn er bei mir schläft.

3

Denk ich an Sprache in der Nacht?
Am meisten habe ich mich in den vergangenen Jahren um die Sprache gesorgt.
Am meisten habe ich mich um die aufgepeitschte, ausgenutzte Sprache gesorgt.
Am meisten habe ich mich um die Körper gesorgt, die zahlen werden, weil die Sprache aufgepeitscht wird, und zwar nur mit dem Ziel, dass aus dieser aufgepeitschten Sprache Handlung folgt und diese Handlung darin besteht, Körper, die anders sind als die vermeintlich UNSEREN, zahlen zu lassen. Niemand weiß, wofür.

4

Frage:

Was könnte eine Zukunft des Rassismus sein?

Antwort:

Das interessiert ihn nicht. Der Rassismus schaut in die Vergangenheit.


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Installation: Philine Rinnert.

5

Neulich, im herben Herbarium:
Es wurde sortiert. Es wurde ein- und aussortiert und ein Vergleichsherbar hergestellt. Im Vergleichsherbar werden die unterschiedlichen Herkünfte unterschiedlicher Pflanzen erkennbar, also auch: benennbar.
Die Hände stellten die Vergleiche her.
Die Hände der sogenannten Alternativen und Freiheitlichen, sie gaben sich die Blätter, diese getrockneten, gepressten, zur Konservierung verdammten Lebewesen weiter.
Und der Professor sagte: Wenn sie direkt nebeneinander liegen, wird klipp und klar, was Deutsche Eiche ist und was Mexikanische Sumpfzypresse und Amerikanische Zitterpappel oder Japanische Kirsche oder Buche aus dem Buchenwald.
Die Hände und Handreichungen und Handlanger*innen der sogenannten Alternativen Freiheitlichen, sie bemühen sich unablässig, die Herkünfte festzustellen, festzuhalten, ganz fest zu halten und zu kleben, damit niemand je von diesem Bogen entkommen kann.
Ein Bogen, eine Geschichte. So geht das im Nationalherbarium.
Sagte der weltberühmte Botanikprofessor Charles Robert Junior Hinten, der am liebsten über Dinge doziert, die nicht in seinen Zuständigkeitsbereich gehören.

6

Frage:

Was könnte eine Zukunft des Rassismus sein?

Antwort:

Der Rassismus hat keine Zukunft.


7

Und dann, auf einmal, scheint es besser zu werden.
Es gibt noch Hoffnung.
242.000 Menschen an einem Tag in einer Stadt in diesem großen, unbekannten Land reichen aus, um mich hoffen zu lassen.
Und obwohl am selben Tag ein Hurricane auf die Küste Portugals losgeht, obwohl deshalb mein Flug nach Lisboa gecancelt wird, obwohl ich am Folgetag in einem Wellnesshotel im Sauerland lande, weit, weit ab aller politischen Debatten, obwohl das geschieht, wird die Hoffnung größer.
Die Hoffnung bleibt, weil ihr Gegenteil, die Sorge, so groß ist. Hoffnung und Sorge, sie wachsen aneinander.
Und ich schlafe doch mal wieder besser.
Und im Schlaf drehe ich mich um, und jemand liegt neben mir, jemand aus meinen schönsten und wildesten Träumen. Es ist das Demokratische, das nie zuende ist. Es hat lange, tätowierte Beine und straßenköterblonde Locken und einen ganz kurzen Bart, der nicht ein bisschen kratzt beim Küssen.
Ja, das Demokratische, es küsst mich und flüstert: Ich versprach, so sanft wie möglich zu verschwinden.
Doch nur, um dann zurückzukehren. Und zwar umso entschlossener.

8

Frage:

Was könnte eine Zukunft des Widerstands sein?

Antwort:

Die Zukunft des Widerstands ist immer jetzt, oder sie ist nie.


9

Ich habe eine Weile gedacht, dass ich nie wieder lieben könnte.
Das habe ich gedacht und gesagt.
In einen Rechtsextremen verliebt zu sein, ohne das anfangs zu merken (dass er rechtsextrem ist, nicht, dass du verliebt bist), und es dann doch zu merken und nicht zurückdrehen zu können, und dann all das auszuhalten: die Widersprüche, die in einem Menschen stecken können (schwul, rechts, mit Migrationshintergrund) und die in einem anderen Menschen stecken können (Liebe, die sich kümmern will und die dich dadurch am Ende zerstört – und sich selbst) und die Widersprüche, die tagtäglich, stündlich, minütlich das Leben im Netz und in den Straßen und in den Körpern verkomplizieren (die globale Erwärmung, das Auslaufen des Neoliberalismus und der Menschen im Neoliberalismus, das Schwinden der Demokratien, der Hass als Happening) – das auszuhalten, wie geht das ohne das Leben als Situation Tragedy zu betrachten?
Es hilft immer, das Leben als Situation Tragedy zu betrachten.
In der Situation Tragedy ist alles einfacher. Sogar, doch wieder jemanden zu lieben.
Und du radelst heim, nachdem du zwölf Stunden mit deinem Lover verbracht und Suicide Squad auf Netflix gesehen hast und bleibst an der Ampel stehen, als sie rot ist und als sie grün wird und wieder rot, und du versuchst, zu sortieren, und wirst selber rot, und die Sonne geht unter und die Sterne prangen oben, als wären sie schon immer da und FÜR immer, und du bleibst stehen und denkst an ihn, denkst daran, wie er in deinen Armen lag, und du weißt immer noch nicht, was das mit ihm nun ist, und auch nicht, wie es gehen kann, dazwischen zu sein und nicht nur in der Zone der Hoffnung oder in der des Fatalismus.
Denn er ist dort und ich bin hier, ja, das zwischen uns nenne ich jetzt mal Abstand, und wenn ich mich aufmache, um diesen Abstand zu überwinden, und wenn ich es geschafft habe, wenn ich endlich dort bin, wo er ist, dann ist er schon hier.
Abstand, das sind wir.
Und wenn ich ihn jetzt frage, ob es schon zu spät ist, ihm etwas zu sagen?
Dann sagt er:
Es ist nie zu spät, hörst du? Nie.
Und es ruft das Studiopublikum der Situation Tragedy:

Nie!

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Installation: Dario Damiano.


Jörg Albrecht — geboren 1981 in Bonn, aufgewachsen in Dortmund, lebt in Berlin. Er schreibt Prosa, Essays, Hörspiele sowie Texte für Theater und Performance. Seit 2018 baut er als Gründungsdirektor das Center for Literature auf Burg Hülshoff bei Münster auf. Jörg Albrecht ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

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