21. März 2018 — Queeres

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Neulich, in der Ability Facility: Eine Freundin rollte auf mich zu, Irma Imperiale in ihrem Elektrorollstuhl, Elektromucke aus den Lautsprechern an den Rädern schallend. Doch als ich die Nase rümpfte, meine Stirn [frisch gebotoxt] in Falten legte, um alle Nervengiftwirkungen zu konterkarieren, und gerade auf nervigste Weise beginnen wollte, die Überbewertung von Elektromucke zu bewerten, fiel mir auf, dass es keine Elektromucke war, sondern der Vortrag eines französischen Gelehrten, der Asien und Europa gleichermaßen kannte, und dessen französische Vokale eine Spur nasaler klangen als gewöhnlich, als wollte er Chinesisch in die gut abgegrenzte, durch Radioquoten verteidigte französische Sprache einschmuggeln. Und eben deshalb klang sein Vortrag wie rückwärts abgespielte elektronische Musik. Und ehe ich den chinesischen Franzosen, seinen elektronischen Vortrag oder die rollenden Lautsprecher auf die Kette des Verstehens aufreihen konnte, hatte mich Irma Imperiale halb umgefahren, anstatt mich zu umfahren, und so saß ich auf ihrem Schoß und düste mit fünfzig Stundenkilometern in die Weiten einer Welt, die zwischen allem lag, was war.

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Âllo, âllo, wen ’aben wir denn da?
Sind Sie der französische Chinese, ich meine, der chinesische Franzose?
Mais non.

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Hannelore Elsner, als französisches Au-Pair-Mädchen in den Paukerfilmen der siebziger Jahre, taucht immer wieder in meinen Träumen auf, doch das einzige, was feucht ist, wenn ich erwache, ist meine Stirn. Angstschweiß. Hannelore Elsner spielt die Rolle des französischen Au- Pair-Mädchens namens Geneviève mit allen Registern, mit denen in der Zeit nach den Nazis deutscher Film nicht-deutsche Rollen spielt. Sicher, auch die Filme der Weimarer Zeit waren nicht frei von Klischees. Sicher, auch die österreichischen Heimat-, Erotik- und Schulstreichfilme der Fünfziger bis Siebziger mögen sich an dem einen oder anderen Stereotyp aufhalten oder aufreiben oder nur reiben [bis kurz vorm Höhepunkt]. Aber was ist denn an Hannelore Elsner als französischem Au-Pair-Mädchen Geneviève so angsterregend, dass ich sie weder loswerde, noch von ihr lassen kann?

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Von klein auf wurde ich für Bewegung begeistert, sagt Irma Imperiale, im Rollstuhl vor mir stehend, ohne den sie sich leider nicht bewegen kann. Sie wisse nicht, sagt sie, wer bei Anti-Nazi-Demos nun eigentlich mehr Angst habe: sie – und zwar davor, im Fall einer Eskalation zwischen die Menschen zu geraten, umgestoßen zu werden, wie Abfall liegen zu bleiben –, oder die Nazis – und zwar davor, im Fall einer Eskalation unter die Räder ihres Rollstuhls zu geraten, umgenietet von einer Transformer-gleichen Gestalt, deren Inklusion man gerade noch lautstark, in Meuten organisiert oder, wie Meuthen, als Professor verkleidet für versifft erklärte. Von klein auf wurde ich für Bewegung begeistert, sagt Irma Imperiale, denn Bewegung ist der Ausgangspunkt für eine gesunde Lebensführung.1 Von klein auf wurde ich für Bewegung begeistert, doch die Bewegung begeisterte sich nie für mich.

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Was bedeutet es, einen Körper zu haben, der von anderen gar nicht als Körper gesehen wird, eher als defekte Masse? Darüber dachte ich nach, als ich nach meiner letzten Schönheits-OP durch die Straßen humpelte. Meine Nase zierte eine Plastikschiene, meine Lippen und Arme waren mit frischem Silikon gefüllt und durch die Spritzenstiche angeschwollen, und meine Beine, die die Ärztin gebrochen hatte, um sie zu verlängern, würden noch eine Weile brauchen, um wieder zu heilen, so dass die Krücken meine besten Freundinnen waren. Und alle schauten mich so mitleidig an, dabei war ich doch gerade eben jetzt dabei, die Perfektion vor dem Herrn zu werden! Sicher, ich WAR noch nicht perfekt, aber sobald alle Wunden abgeheilt und alle Verbände abgenommen und alle Narben verschwunden und die Krücken vergessen wären, wäre ich perfekte Masse, nicht defekte. Doch in diesem Moment war ich von innen schon, was ich von außen nicht war, und wenn ich außen perfekt wäre, wäre ich es von innen schon nicht mehr, denn sobald die äußere Perfektion sich einstellt, das kenn ich ja, wird das innere Verlangen nach noch größerer Perfektion übermächtig: nach noch weißeren und geraderen Zähnen, noch gebräunterer oder blasserer Haut, noch weniger Haaren am Rücken und mehr in den Geheimratsecken. Und als mir das klar wurde, wie ich da so die Straßen entlanghumpelte, getragen von den Freundinnen, diesen Krücken, wusste ich nicht mehr, ob ich nun das eine war oder das andere oder noch was ganz anderes. Und ich fing an, zu grinsen, weil ich wusste, dass ich endlich [ENDLICH!], nach Jahrzehnten angestrengten Bemühens und auf dem Höhepunkt der körperlichen Deformation, dem Universellen am nächsten war. Wie hatte es der französische Chinaforscher oder chinesische Frankreichforscher in seinem Vortrag gesagt?: „Das Universelle, um das man kämpfen muss, ist ein rebellisches Universelles, das niemals vollständig ist; oder sagen wir ein negatives Universelles, das dem Komfort jeglicher zum Stillstand gekommener Positivität entgegenwirkt.“2

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Der Körper des Volkes ist immer ganz. Er kann nicht weniger sein. Er kann auch nicht mehr sein. Er ist, was er ist. Die einen gehören nie dazu. Die anderen gehören nicht mehr dazu. Die noch anderen gehören gerade noch so dazu. Aber wie lange noch? Ach, scheiße, wenn die noch dazugehören, aber bald nicht mehr, ist denn der Körper des Volkes nun ganz oder nicht?

GANZ ODER GAR NICHT.

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Dann gar nischt, sagt Hannelore Elsner als Geneviève. Doch indem sie es so sagt, indem sie das Französische persifliert, also ein Französisch schafft, das nur für die deutschen Ohren Französisch klingt und damit: albern, komödienhaft und kein bisschen wie unsere große Schmach,3 wählt Hannelore Elsner als französisches Au-Pair-Mädchen eben nicht GANZ oder GAR NISCHT, wählt sie eine Zone dazwischen, und ich frage mich, wieder einmal ruckartig, angstschweißgebadet aus dem Dunkel hinausgerissen: Wieso ist der Körper des Volkes, sobald Geneviève durch Hannelore Elsner spricht, im einen Augenblick vollständig, sich durch Nationalklischees in sich selbst einschließend,4 und im nächsten Augenblick doch das Gegenteil: durchlöchert, aufgeweicht, der eigenen Lächerlichkeit preisgegeben, über die in Deutschland vielleicht erst in jenen Jahren, 1968/69, als die Schülerstreichfilme entstanden, tatsächlich gelacht werden konnte, über zwanzig Jahre nach dem Ende des Schreckens.

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Und nun ist 2018, und der Schrecken kehrt zurück. Nein, er kehrt nicht einfach nur zurück. Er kehrt als eine neuartige Version des alten Schreckens zurück, als „[...] eine[ ] Weltordnung, die wir ‚Neoliberalismus’ nennen, weil uns kein anderer Begriff zur Verfügung steht.“5 Oh ja, sagt Irma Imperiale, und da diese Ordnung alle Zwischenräume besetzt hat und besetzt hält, also besitzt, und da andererseits und in denselben Atemzügen fauligen Gestanks die Old Right ihr Recht claimed, über den Dingen zu stehen und das Sprechen an sich zu verändern, gilt es darum, diese von ihnen so bezeichnete Metapolitik6 zu konterkarieren, ganz einfach, indem niemals ein Sprechen einfach so erfolgt, also kein Sprechen über den Dingen und auch keines über die Dinge. Es wird gesprochen zwischen den Dingen, von einer Singularität zur anderen, im unendlichen und unendlich schönen Wissen darum, dass auch am Ende des Weltuntergangs der Abstand zwischen dir und mir nicht kleiner sein wird, na eben, er lässt sich nicht in einem Sprechen über den Dingen schließen, er klafft da, als perfekter Abstand, und das, sagt Irma Imperiale, bevor sie sich aufmacht, um Nazis umzunieten, das nenn ich Metaxupolitik: ABSTAND.

9

Dieser Song erklang vor einigen Wochen, als mein Augenstern zum ersten Mal in meinem neuen Zimmer neben mir lag. Und er fragte, ob das meine Romantic Playlist sei. Und ich sagte, bei mir sei alles Romantic Playlist. Und dass der Song While You Wait For The Others hieß, war kein Zeichen.
Da bist du, hier bin ich, und zwischen uns –
Nein.
Ich bin schon dort, wenn du bei mir bist, ich bin nicht hier bei mir und nicht da drüben bei dir, ich bin zwischen uns, und nur dort.


  1. „Je mehr Sport betrieben wird, desto gesünder der Lebensstil. Studien bestätigen, dass über die positiven Auswirkungen für die Gesundheit langfristig jeder in den Sport investierte Euro das Fünffache an volkswirtschaftlichem Effekt bringt. Damit wir dieses enorme Potenzial auch ausschöpfen und nachhaltig sichern können, müssen wir vor allem unsere Kinder und Jugendlichen von klein auf für Bewegung begeistern. Das ist der Ausgangspunkt für eine gesunde Lebensführung und die Grundvoraussetzung dafür, dass wir uns in Zukunft als stolze Sportnation bezeichnen können.“ Aus: Zusammen für unser Österreich (Regierungsprogramm 2017-2022). In der Reihe: Erbauliche Nationallyrik, Wien 2017. 

  2. François Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität. Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur, aus dem Französischen von Erwin Landrichter, Berlin: Suhrkamp 2017. 

  3. Versailles, Compiègnes und wie die Orte alle heißen 

  4. Holismus at its best! 

  5. Wie es der Seeßlen-Georg so gut sagt. 

  6. Voll Mega, Megapolitik. 


Jörg Albrecht — geboren 1981 in Bonn, aufgewachsen in Dortmund, lebt in Berlin. Er schreibt Prosa, Essays, Hörspiele sowie Texte für Theater und Performance. Seit 2018 baut er als Gründungsdirektor ein interdisziplinäres Literaturzentrum auf Burg Hülshoff bei Münster auf. Jörg Albrecht ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

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