l’amour toujours (1000 jahre grundgesetz)

25. Mai 2024 — Rechtsterror
du du dudu
du du dudu
du dudu du dudu
dududududu

du du dudu
du du dudu
du dudu du dudu
dududududu

ach martin da
wolltest du mal eben feiern tanzen
unter der nase kurz dich kratzen
während die andere hand nach oben schießt weil
hier der beat doch so gut droppt
weil hier der apero so fetzt
weil hier der lacoste pulli so gut sitzt
und dort im abendrot
da glänzt die nordsee schau
wie sie stolz vor uns sich niederlegt
die hat der opa schon verteidigt so
stehts doch da im grundgesetz
das heute ganz genau so alt wird wie der opa
1000 jahre
meine
güte da wird man doch wohl nochmal
grölen dürfen da
wird man doch kurz hier die hand nach oben
rauf zum opa
oder zum uropa oder wars
der ururopa
das weiß ja niemand keine ahnung
unsere ahnentafel
reicht sehr weit zurück von daher
schaut her ihr ahnen euer geld
wo das wohl hergekommen
keine ahnung aber
jetzt ist es wieder hier
war eh nie weg
das wurde schließlich gut angelegt
die letzten jahre
wen wunderts denn dass es jetzt wieder hier
wo es hingehört hier
in der mitte
in der elite
im lager sylt
pardon
im pony club
nicht dort wo 100 umgebracht nein
dort wo 100 tanzen
nicht wo 27 erschossen nein
dort wo 27 saufen
nicht dort wo die gedenktafel steht nein
dort wo die ahnentafel hängt
neben pullunder
blonden zöpfen
blauen hemden
und so weiter




ja scheiße ganz
schön
hab ich zu kämpfen hier
mit dem pullunder schreit
die alice
da der apero
dort der pullunder
das geht schnell schief
und einen neuen
wollt ich mir erst in zwei tagen gönnen
vom geld dass die oma
mit den zähnen sich
verdient
pardon
das soll man jetzt nicht falsch verstehen
die ist mittlerweile auch schon tot
die war nun einfach kind
ihrer zeit was kann denn die dafür
was kann denn ich dafür
was kann der gigi d’agostino denn
dafür der hat die stimme doch auch nur
gestohlen von einem Schwarzen sänger

da fängts ja an

was

meine güte immer die geschichte

ich will doch nur in ruhe tanzen mit der hand richtung opa

ich mag das lied so gern

ich mag doch auch hier meine insel
so gern wo
die oma schon so lang ein
haus wo der opa von dem gold das
er vom nachbarn hat damals
die yacht
von daher
alice
schau schnell einmal
für die kamera
sing mit sing
was die oma schon gesungen hat
wie sie die stiefel abgewaschen hat sing
was auf der ahnentafel steht
da heiner hubert
heribert sabine herbert
heinz christian björn frauke und so weiter
unser stamm spannt sich
genau so weit hier
übers land wie dein pullunder hier
um deine schultern
alice
achtung
der apero

pass auf

da hinten

wo
was

da hinten

ja was
ist da

ist das nicht der jörg

ich dachte der ist tot

na
totgeglaubte leben ewig länger
so wie das grundgesetz

du meinst das liederbuch
das udo liederbuch
mit dem der udo im gesangsverein
in niederösterreich ganz ohne techno
von den schloten sang

ja richtig hier pardon das
soll mann nicht verwechseln und
frau mit blondem zopf die
an der hochschule studiert
das auch noch
jetzt sind es nicht mal mehr die arbeiter
und ihre frauen im bierzelt
von denen wir uns angewidert hinwegdrehen können
angewidert die abgehängten
in der dorfdisco oder den pausenräumen wir
sind doch die besorgte
abgehängte elite im
pony club im
polo shirt wir
sind doch die die naserümpfend sonst
uns über alle stellen auch
über die in thüringen beziehungsweise
sachsen aber nein
was lese ich da
auch in niedersachsen am schützenfest
läuft gigi d’agostino wird
gegrölt werden sie mitgeschrien schon wieder
die songs zu denen opa schon mit der oma
während die schlote dampfen
scheiße
in der mitte
drin laufen ihre lieder jetzt schon wieder
und die hochschulen reagieren
entsetzt
ja blöd das jemand mitgefilmt hat
jetzt müssen halt alle reagieren
beim nächsten
techno
im vorpolitischen raum
der längst in flammen steht
mach halt kein video
da bleiben wir unter uns
wie schon die oma
und der opa und der
lagerkommandant

gut
löschen würd ich sagen
wenn da ein durst ist
muss man den eben löschen
würd ich sagen
oder nicht

ja recht hast
schreit der herbert
drei promille oder
dreißig prozent wo
ist da noch ein unterschied

richtig
wenn wir da hinein wollen in
den vorpolitischen raum
in den pop
ins volk
und ins grundgesetz
dann brauchen wir die hits
dann müssen sie
nämlich unsere lieder singen
martin
hörst du mich

ja herbert
l’amour toujours
wie immer
ganz der deine
das war ein geniestreich
ola onabulé heißt der
Schwarze sänger
dessen stimme schon gigi d’agostino
für das lied gestohlen
und geraubt
tausendzweihundertfünfundsiebzig
euro
hat er bekommen für den gesang
über den wir jetzt wieder
unsere lieder
singen
die stimme wurde ihm gestohlen
mit autotune verdreht
nichts gehört ihm hier
mehr auch nicht die villen von dem
gigi oder
die autos von den produzenten nein
eine Schwarze stimme
singt das lied
über das wir jetzt wieder grölen
nein pfeifen
wir pfeifen da drüber jetzt das
lied ist unser
dogwhistle
den jetzt alle pfeifen müssen
durch den tag gehen werden
mit einem ohrwurm mit diesem
lied mit dem
wir wieder in sie kriechen
in die ohren
in die körper in die mitte
in die pullunder in den apero
ins pony und
desto mehr sich echauffieren desto
mehr ihn jetzt reproduzieren
desto lauter dröhnt er desto
weiter
tönt er desto klarer erklingt er

unser hit

von daher komm
dreh noch einmal ordentlich
den synthie auf
zieh fester den pullunder
spann die segel von der yacht und
zähl die zähne von der oma
da kommt er nämlich wieder
jetzt ich seh ihn schon am horizont
der immergleiche hit
von einer nation
jetzt kommt er der refrain
da kommt er wieder
1000 jahre grundgesetz im lager sylt
und gigi d’agostino

denk ich an deutschland und an sylt
dann bin ich um den schlaf gekillt

du du dudu
du du dudu
du dudu du dudu
dududududu

du du dudu
du du dudu
du dudu du dudu
dududududu

Thomas Köck — geboren 1986 in Oberösterreich, arbeitet als Autor und Theatermacher. Studierte Philosophie in Wien und an der FU Berlin sowie Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. Mit einem Dokumentarfilmprojekt über den libanesischen Bürgerkrieg eingeladen zu Berlinale TALENTS sowie nominiert für den Filmförderpreis der Bosch Stiftung. Konzipierte Lese- und Veranstaltungsreihen in Wien, Berlin und Mannheim, erarbeitet in Teams digitale Theaterhybride und konzertante Readymades. War Hausautor am Nationaltheater Mannheim und erhielt u.a. den Else-Lasker-Schüler-Preis, den Dramatikpreis der österreichischen Theaterallianz, den Literaturpreis Wort&Sprache des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft, den Kleist-Förderpreis, den Mülheimer Dramatikpreis 2018 und 2019, den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Seine Texte wurden in 15 Sprachen übersetzt und weltweit gespielt. Inszeniert bisweilen auch eigene Texte an Theatern in Österreich, Deutschland, Mexiko und der Schweiz.

→ http://www.suhrkamp.de/autoren/thomas_koeck_14263.html