06. Dezember 2017 — Demagogie

Der Krieg ist schon da. Ich weiß es jetzt. Er hat mich hereingelegt – er hat uns alle hereingelegt. Sein Beginn liegt schon darin, dass wir ihn erwarten.— Slavenka Drakulić, 1991

Die Wahrheit der anderen ist nicht die Wahrheit des Mannes, der in der Sekunde nach seiner Urteilsverkündung von sich in der dritten Person sprechend sagt: [Hier Namen einsetzen] is not a war criminal. I reject your judgement with contempt. Die Wahrheit der anderen ist auch nicht die Wahrheit des anderen Mannes, der vor seiner Urteilsverkündung den Gerichtssaal betritt, sich bekreuzigt und den Daumen – für alle Anwesenden gut sichtbar – nach oben streckt. Die Wahrheit des Urteils ist nicht seine Wahrheit, die er kurz darauf herausschreien wird: Lüge! Reine Lüge! Alles Lüge!

Die Wahrheit von irgendjemand hat bei uns zu Hause angerufen, damals, in den 90ern, und mit Hysterie in der Stimme gefragt: Seid ihr Serben oder Kroaten? Serben oder Kroaten? – wahrscheinlich, während ein Flugzeug über diesem unserem Zuhause hinwegdonnerte, das sich weder in Serbien noch in Kroatien befand, sondern in einer Einflugschneise, andernorts, in Europa, in der Stille zwischen zwei Fliegern, in der Stille auf der einen und der anderen Seite der Leitung.

Einatmen.

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aus: Dubravka Ugrešić: My American Ficitonary, Erster Brief, edition suhrkamp 1994, — Dubravka Ugrešić

Die Wahrheit der einen oder der anderen stellt für die einen oder anderen eine Bedrohung dar, eine Bedrohung des Selbstbilds, eine Bedrohung des Bildes der Gemeinschaft, eine Bedrohung des Bildes der unhinterfragten selbstverständlichen Wirklichkeit, eine Bedrohung der Richtigkeit der Perspektive – Einer von uns oder einer von euch muss sie doch haben, die richtige Perspektive, und ihr seid das bestimmt nicht, und ihr auch nicht, und ihr schon gar nicht und überhaupt, was wisst ihr schon, ihr seid ja gar nicht da gewesen, und die Berichterstattung, natürlich, die Berichterstattung, aber ist es nicht wahr, dass die einen etwas anderes berichterstattet haben als die andern – und überhaupt, diese Botenberichte, war denen schon jemals zu trauen gewesen, die Wahrheit ist euch aus der Perspektive gerutscht, ist in eine Schieflage geraten, die Wahrheit ist, dass nur wir unser Wir-Ideal bestimmen, die wir vor euch stehen in unsere Tränen, unsere Nationalfarben gehüllt, wir wissen, dass wir auf der Seite der Wahrheit stehen also, dass die Wahrheit immer schon auf unserer Seite gestanden hat, wir kennen die einzig wahre Wirklichkeit, wir wissen Bescheid, wir sind im Bilde, und unser Bildausschnitt bestimmt ausschließlich, wer hier Held und wer Verbrecher ist. Wir haben gesagt und wir werden es wieder sagen: Bis hierhin und nicht weiter!

An dieser Stelle beginnt der Nachkrieg.

Wussten Sie, dass der Name Ratko Krieger bedeutet?

Die Wahrheit der Autorin, die einatmet, auf dem Podium kurz vor dem medialen Shitstorm, die ausatmet und etwas sagt, das den Hass der einen und den Zuspruch der anderen auslösen wird oder zusammenfassend gesprochen: die etwas sagt, das unterschiedlich ausgelegt werden wird, also nehmen auch wir uns die Freiheit und paraphrasieren an dieser Stelle das Gesagte: Jugoslawien war krank geworden, es hatte sich seine Krankheit selbst zuzuschreiben.

Auch an dieser Stelle beginnt der Nachkrieg.

Die Wahrheit fragt nach den Voraussetzungen für eine stabile Friedensordnung: Bedeutet Frieden die Abwesenheit von Krieg?
Man wusste, dass es da Explosivkräfte gibt.
Mitten in Europa.
Während die Welt mit anderen Dingen beschäftigt war.
Konstantes Hintergrundrauschen: Das Toben der Debatten.
[Es gibt keine guten Antworten. Es gibt keine guten Antworten!
Es gibt keine guten Antworten?]
Wer hat angeordnet? Wer durchgeführt? Wer Befehle gegeben?
I am not a war criminal. I reject your judgement with contempt.

Die Wahrheit auf der einen Seite der Leitung und jene auf der anderen markiert zwei simultane Ereignisse, während der eine spricht, toben auf der anderen Seite die Debatten, der Zorn, wie zwei parallele sich gegenseitig ebenso verstärkende wie ausschließende Prozesse, die Wiederholung der Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt der Wirklichkeitsperspektive, die andauernde Umgestaltung der Erinnerungslandschaft. Wir sehen: den Krieg als übermenschliches Phänomen. Keiner kann wird will schuld gewesen sein. Das Etablieren der Fakten etabliert das Durchbrechen einer Kultur der Leugnung der Propaganda, das Dokumentieren der Massenverbrechen, die Objektivierung der Ereignisse, das Herstellen von Verantwortlichkeiten durch die Individualisierung der Schuld

[Keiner kann wird will schuld gewesen sein.]

die Zuordnung von Verantwortung und Strafverantwortung, die Zuordnung von Verantwortung und Strafverantwortung zu Individuen, die Argumentation, die hinausläuft [Serbien/Kroatien/Bosnien et cetera war krank geworden, es hatte sich seine Krankheit selbst zuzuschreiben], die Argumentation, die hinausläuft, ohne ein Ende zu finden, das Durchbrechen der Argumentation, die auf Kollektivschuld hinausläuft [Die Serben, die Kroaten, die Bosnier waren schuld!] das Durchbrechen eines Teils der Geschichte als Schauermärchen als Gutenachtgeschichte von den Helden der einen und den Verbrechen der anderen–

Mitten in Europa. In sogenannten safe areas.
Es waren nicht diese oder jene.
Es war nicht die Wahrheit der einen oder der anderen.
Seid ihr Serben oder Kroaten? Serben oder Kroaten?
Mitten in Europa. Out of area.
Während die Welt mit anderen Dingen beschäftigt war.
Wer hat angeordnet? Wer durchgeführt? Wer Befehle gegeben?
I am not a war criminal. I reject your judgement with contempt.

An einem Herbsttag im holzvertäfelten Erdgeschoss eines Hauses im Grunewald, an den Wänden vergilbte Poster der serbischen Tourismuswerbung, die sich an den Ecken widerspenstig aufrollen, schiebe ich meinen blauen Pass über den Schreibtisch des Botschaftsbeamten, und während der Beamte seiner Kollegin im Nebenzimmer sagt, dass hier vor ihm einevonuns sitzt, fällt mir das erste Mal auf, dass auf dem Deckel meines blauen postjugoslawisch 2007 ausgestellten, 2017 abgelaufenen Passes in kyrillischer Schrift Savezna Republika Jugoslavija–Bundesrepublik Jugoslawien steht.

An dieser Stelle einigen wir uns auf keine Lesart der Vergangenheit.
An dieser Stelle tobt der Nachkrieg um Erinnerung und Bewältigung.
Bis heute. Und weiter.

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Sandra Gugić — geboren 1976 in Wien. Studium an der Universität für Angewandte Kunst Wien und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Veröffentlichungen (Prosa, Lyrik, Essays) in Zeitschriften und Anthologien, Arbeiten für Theater und Film. 2016 erhielt sie den Reinhard-Priessnitz-Preis für ihren ersten Roman Astronauten (C.H.Beck, 2015).

→ http://sandragugic.com/