14. September 2016 — Demagogie

Neulich, auf dem Wahljahrmarkt: Zwischen Quacksalbern und Wahrsagern, zwischen Schwergewichten, Gewichthebern und bärtigen Frauen, zwischen Zuckerwatte, Zitruspressen und Lügenpressen, zwischen Riesenschaukeln und Autonomiescootern traf ich meinen alten Freund Toto Ricchetti, neununddreißig Jahre alt, weiß, heterosexuell, Mitarbeiter am Zentrum für Frauen- und Geschlechterstudien der Alpen Adria Universität Klagenfurt. Und Ricchetti bewegte seine Hände, seine Lippen und Augen, um mir eine Geschichte zu erzählen, die hinter ihm lag oder vor ihm, oder vielleicht war er auch noch mittendrin.

Alles beginnt vor dem Reformhaus. Vor dem Reformhaus warten sie. Die Wahlkämpfer und ihre Waffen: Polohemden in rosa, gründlich gegelte und gelegte Haare, sonnengebräunte Haut. Sie kommen von einer christlichen Schwulenorganisation und machen Werbung für ihre Forderung: No sex til gay marriage. NEIN! Sie kommen von einer Partei, die aber nicht nur Partei ist, sondern mehr. Erst da merkt Toto Ricchetti: Die Waffen, die er bisher sah, waren die Schilde. Dahinter gezückt DAS:
Sie wünschten einen guten Tag, mit einem netten Einkauf im netten Reformhaus sei das sicher ein guter Start, und die frische Minze in seinem Einkaufsbeutel und die Kornblume in ihren Hände seien einander die perfekte Ergänzung. Ja, manche Dinge würden eben harmonieren, einfach so. Sie seien übrigens Basti und Wasti, Kärtner Jungs, wie offenbar auch er selbst, und sie wollten ihm einzwei Dinge nahebringen die ihnen wichtig seien. Das Reformhaus, das er gerade verlassen habe, zum Beispiel, wenn man das mal sehe, wie es WIRKLICH sei. Es passe nicht jeder zum Reformhaus, und es passe auch nicht jeder in dieses andere Haus, dieses riesige Haus namens Österreich, das auch einiger Reformen bedürfe, ja, das dürfe man sagen, auch er solle kein Blattgold vor den Mund nehmen, er solle sagen, was er dächte, was sie dächten, was alle dächten. Aber sie müßten noch mal von vorn aussetzen, äh, ansetzen, denn sie hätten sich vorgenommen, eins klar zu sagen: Daß sie FÜR die Demokratie seien, NUR für die Demokratie, nein, NUR SIE seien für die Demokratie. Sie alle, auch er und sie beide, wie sie hier stünden, hätten doch diese gemeinsame Geschichte, ja, sie, wie sie hier stünden, seien das Volk mit einer geteilten Geschichte, und alles, was die alten Eliten versuchten, sei, diese geteilte Geschichte zu zerteilen, aufzuteilen, zu trennen, nichts anderes sei es, wenn in einem Raum nicht mehr nur EINE Erzählung gelte, sondern Aberdutzende aberwitzig herumgeisterten. Erzählungen, die sich widersprächen, die nichts miteinander zu tun hätten, dabei wüßten doch alle, wüßten sie, wie sie hier stünden, welche Erzählung die einzig richtige sei. Sie beide, Basti und Wasti, hätten nicht nur Jus studiert und damit Ahnung von Recht UND Gerechtigkeit, sie seien auch in Vorlesungen für Literatur gegangen, einfach so, aus Interesse, aus Leidenschaft, aus humanistischen Idealen heraus [HERAUS!], und da habe man ihnen beigebracht, gutes Erzählen habe immer EINE Stimme. Und so sei es eben auch mit dem Vaterland, das sei gut erzählt, mit einer Stimme, was man zum Beispiel mit einem Mutterland nicht so leicht hätte haben können, Mütter würden eben wahnsinnig viel reden und reden und reden und fühlen, und Väter sagten wenig und machten einfach, machten was richtig sei, und dieses Machen sei dann genug, das sei EINE Geschichte, das sei die EINE Stimme, die es brauche. Und je mehr Stimmen hinzukämen, desto verwirrender und chaotischer und gefährlicher, kein Wunder, wenn da die EINE wirkliche und richtige Stimme Angst bekäme. Umso weniger Angst solle er davor haben, ihnen seine Stimme zu geben, wenn er denn vorhabe, seine Stimme abzugeben, in der Stichwahl, dieser Wahl der Qual. Und, by the way, für ein kleines weiteres Geschenk, das ihm ihr Vorsitzender gerne machen wolle, müßten sie nun wissen, was sein Wahlkreiszeichen, äh, Sternkreiszeichen sei.
Toto Ricchetti antwortet nicht. Er hat die ganze Zeit nicht geantwortet. Wie immer, wenn Menschen so viel mit ihm sprechen, weiß Ricchetti nicht, was er tun soll: Sagen, daß er nichts sagen kann, oder lieber schweigen? Soll er in Gebärdensprache signalisieren, daß er nur Gebärdensprache spricht? Soll er seinen Hut lüften und das Gerät an seinen Ohrmuscheln offenbaren, das ihm hilft, überhaupt an der Welt der Klänge zu partizipieren? Denn obwohl sowohl Basti als auch Wasti laut und deutlich sprech-EN – denn ein parteiinternes Trainingsprogramm hat ihnen das laute, deutliche Spreche-EN beigebracht –, obwohl nichts nicht zu hören ist, hört Ricchetti sie nur in Teilen.

„IHR GLÜCKLICHEN OHREN!“

— Toto Ricchetti

Mit sechzehn Monaten, am 21. Juni 1978, fiel Toto dadurch auf, daß er sich nicht erschreckte, nicht lachte oder weinte, überhaupt nicht reagierte, als Edi Finger im ORF narrisch ward, nein, nicht er, aber seine Stimme: Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor! Und das Wunder von Córdoba wurde in der Doktor-Franz-Palla-Gasse zu Klagenfurt von einer Katastrophe überschattet. Eine Katastrophe für die Eltern Ricchetti. Seitdem besitzen sie ein ausgeprägtes Wissen über das medizinische Phänomen namens Hörverlust.
Toto Ricchetti macht seit jenem Tag im Juni 1978 das beste draus. Toto Ricchetti vertraut auf sein Restgehör. Toto Ricchetti hört nur Reste. Und weil er nur Reste hört, spricht er in Gesten. Das Volk, wie es ihm an diesem Wahlkampfsamstag gegenübersteht, hört noch viel mehr als er Reste.
Was sitzt in seinen Ohren? Ein Stöpsel? Ein Hörgerät, das vorgibt, störende Nebengeräusche herauszufiltern, aber eigentlich die hauptsächlichen Dinge wegnimmt, als gehörten sie nicht hierher? Oder einfach ein Kopfhörer, der einflüstert, wer das Volk sein darf? Jedenfalls ist es so nicht gerade leicht, zuzuhören.
So stehen Basti und Wasti vor dem Reformhaus, sie und ihr Rückwärtsreformhaus, und sie sagen, sagen es mit Blumen: Wir kämpfen auch für dich. Aber vielleicht will ich ja selber kämpfen? Ich soll meine Stimme geben? Meine Stimme ist sowieso schon abgegeben, denkt Toto Ricchetti. Und für euch, liebe Bastis und Wastis dieses Landes, für euch ist klar, welche Stimme spricht, wenn ihr sprecht, und auch diese Stimme ist von vornherein abgegeben. Abgeben und annehmen. Die Stimme des Volkes als Annahme. Aber wer, wer darf welche Stimme annehmen? Und wer welche nicht? Wessen Stimmen werden subsumiert, welche weggeschnitten? Und wenn die Stimme des Volkes die Stimme aller ist, die zum Volk gehören, wieso gehören dann alle Stimmen, die ich liebe, nicht auch nur im entferntesten dazu? Und sobald ich darüber sprechen will, kommen nur einzelne Laute. Wie könnte das Volk die Geduld aufbringen, sich das anzuhören? Und dann kommt die Polizei und schreit: SIND SIE TAUB? Und all die, die gar nicht hierhin gehören, nicht ins Volk, wie es hier steht, gehören, nicht aufs Volk hören, die SIND taub. Denn wie sonst sollten sie überhören, daß sie nie möglich sein werden? Du taubes, dummes Stück, du bist UNMÖGLICH!

Als er ausgestiegen ist, und noch bevor er die Straße überquert, sieht Ricchetti sein Ziel. Ein roter Backsteinbau, uralte Industrie, vorvorletztes Jahrhundert, darüber Efeu, das Licht von Neonröhren im Inneren, und durch die hohen Fensterscheiben sieht er die gewaltige Diskussion. Einhundert Menschen diskutieren. Dabei öffnen ihre Hände sich zu Flächen, verschließen sich zu Fäusten, klatschen gegeneinander, einzelne Finger strecken sich in die Höhe, sausen herunter, vereinen sich zu Zahlen, die Lippen stülpen sich, ziehen sich in die Breite, werden flach und gehen an die Grenzen ihrer Elastizität, die Augenbrauen machen Hüpfer und senken sich langsam wieder herab. Toto Ricchetti steht vor den Fenstern und sieht, wie genau einhundert Menschen dahinter diskutieren, lauthals, ohne laut zu sein. Und er weiß: Selbst wenn er mehr hören könnte, als er hören kann, würde er nicht mehr hören. Zwei Fußgänger gehen so dicht an den Fenstern des Gehörlosenzentrums vorbei, daß sie sie beinahe streifen. Doch sie unterhalten sich miteinander, sie drehen ihre Köpfe nicht, sie hören nichts von dem, was hinter den Fenstern geschieht. Es geschieht so viel mehr. Es geschieht immer so viel mehr. Und jetzt: über die Straße, hin zu den anderen einhundert Menschen, gleich: einhundertundeins. Und ganz vorn im Hinterkopf macht er diese Notiz:

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Jörg Albrecht — geboren 1981 in Bonn, aufgewachsen in Dortmund, lebt in Berlin. Er schreibt Prosa, Essays, Hörspiele sowie Texte für Theater und Performance. Seit 2018 baut er als Gründungsdirektor ein interdisziplinäres Literaturzentrum auf Burg Hülshoff bei Münster auf. Jörg Albrecht ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

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