19. Mai 2024 — Rechtsterror

Please take over.
oder: Die Zukunft der Vergangenheit des Widerstands

Ja.
Ja.
Ja.

Ja, wir sind müde.
Ja, wir sind müde.
Ja, sind es müde.
Immer wieder wählen und wählen und wählen und nie kommt das dabei raus, was wir gewählt haben.
Immer wieder die Hoffnung, es könnte endlich vorangehen, es könnte richtige Antworten auf die richtigen Fragen geben.
Immer wieder drehen sich die Antworten so, dass sie alles andere als richtig sind, dass sie alles andere als falsch sind, dass sie Fake sind, und kaum sind die Antworten Fake, sind auch die richtigen Fragen auf einmal falsche.

Ja, immer wieder drehen leider wir uns auch die Antworten so, dass sie irgendwie fake sein müssen, weil wir Antworten haben müssen, weil man sich an irgendwas festhalten muss, wenn alles irgendwie verschwindet, oder rausrutscht aus dem sogenannten demokratischen Spektrum.

Wir halten uns also an unseren Antworten fest, wir halten damit die nicht besonders hufeisenförmigen Ränder fest, die sich ohnehin nicht festhalten lassen, und wir halten ziemlich wenig aus, halten mittlerweile ziemlich wenig aus, weil wir uns im Brüllen erschöpft haben, oder im Zurückbrüllen oder im Dagegenhalten, wenn wieder wer brüllt.

Ja, wir hatten gehofft.
Ja, wir sind erschöpft.
Ja, wir können uns nicht mal mehr selbst auswringen, so erschöpft sind wir nach der Pandemie nach der Energiekrise nach dem Krieg während der Pandemie während der Klimakrise während des Krieges vor der Pandemie vor der Wasserkrise vor dem Krieg.
Ja, wir fühlen uns ohnmächtig.
Ja, wir wissen nicht mehr, was tun. Oder sagen. Oder schreiben.

Also schreiben wir nicht mehr.
Also schreiben wir immer dasselbe.
Also schreiben wir nicht mehr.
Also schreiben wir das was alle schreiben.
Also schreiben wir uns fest, schreiben uns ziemlich sicher fest und ziemlich sicher uns fest, wie so ein umambivalentes Bewegungsgegenteil, das alle abnicken können.

Da bewegt sich was!
Wer da?
Ja?
Ach, Hydra.

Hydra hätte mal gesagt: für eine Weile war ich gescheiter als die meisten im Kunstbetrieb, doch, je gescheiter ich mich fühlte, desto mehr war ich gescheitert.

Ich wollte, hätte Hydra gesagt, den Rechtsruck in die Mitte des Kunstbetriebs hieven, damit alle über ihn reden und sich Gedanken machen

Hydra hätte mal gesagt: immer dieses Vergleichsdenken heutzutage

Hydra hätte mal gesagt: Ist das nicht schon die Basis von Neid, Misstrauen, Wettbewerb und schließlich Abgrenzung

Hydra hätte dann vielleicht nachgelesen und gesagt: aber die ökonomischen Muster als Erklärungsmodelle die zitiere ich doch auch schon seit mittlerweile 20 Jahren

Ja, es hat alles nichts gebracht.
Ja, wir haben uns engagiert.
Ja, wir haben dagegen gehalten. Für ein paar Jahre haben wir doch schon gewarnt und gemahnt und getan und gemacht. Wir waren doch schon DIE VIELEN. Und je länger wir DIE VIELEN waren, desto mehr wurden die Rechtsextremen, die am Anfang alles andere als viele waren.

Kurzer Einschub Österreich, damit wir uns kurz besser fühlen

Damit wir uns kurz schlechter fühlen

Oder noch schlechter

Oder damit uns zumindest was hochkommt und wir den Mund aufmachen müssen, immerhin, also: Dieser Anfang in Österreich, als die Rechtsextremen noch nicht viele waren, ja auch so eine Geschichte, die man sich gerne erzählt, damit man noch irgendwie vorwärts kommt, damit irgendwas vorwärts geht, nein, damit man das was ewiggestrig vorwärtsgeht seit 1955 überhaupt noch vorwärts lassen kann, weil mans vorwärts gehen lassen muss, weil sonst niemand mehr da ist.

Also geht es vorwärts, es geht durch rechtsrechte Parteien, durch rechtsextreme Parteien, durch vollständig rehabilitierte Täter in Wirtschaft, Medizin, Politik, geht durch offizielle Teilschuldeingeständnisse in den Neunzigern und darauffolgende Bombenanschläge, geht bis in die Gegenwart, in der die rechtsextreme FPÖ bei 30% hält, geht darüber hinaus, in die Zukunft eines neuen Bundeskanzlers nach der Nationalratswahl 24, der gut als Vorsitz einer Reiterstaffel taugt, die alles niedersenst, was sich ihr in den Weg stellt. Medien, Meinungsfreiheit, Menschenrechte.

So. Ja, na gut. Und jetzt?

Und wer ist bei 23% jetzt viel, wer wenig?

Wer ist wenig und wer ist überhaupt sonst noch da, links der Mitte, die ihr Geilomobil so dermaßen am rechts am Pannenstreifen geparkt hat, dass sie auch vom Haidersportwagenschlitten links überholt wird.

Back to Neunziger Jahre. Die Schriftstellerin Lucie Begov sagt: Ich habe erkannt, warum die Menschen nicht wissen konnten, dass der Nationalsozialismus eine kriminelle Vereinigung war: Weil sie selbst Antisemiten waren.

Ja, es hat nichts gebracht.

Ja, das Gift hat gewirkt.
Ja, der Diskurs ist nicht mehr zu retten.
Ja, wir sind gespalten.
Ja, es hat nichts gebracht.
Ja, es hat nischt gebracht.
Hat nichts und alles gebracht.
Hat uns hierher gebracht.

Hydra fragt sich am Kopf kratzend: Die Frage ist doch: Analyse oder Widerstand oder Widerstand gegen Analyse oder im Widerstand bildet sich die Analyse oder der Mittelstand muss schleunigst zur Dialyse sprich: die Dialyse des Mittelstands oder ist Blutreinigung nicht das falsche Bild, was braucht es als Gegengift zur Mittelschicht anders gesagt und immer noch: die Dialektik des Widerstands, sprich:

Gramsci.

Sprich: Alain de Benoist - Vordenker der Nouvelle Droitte, der neuen Rechten, deren erklärtes Ziel, die Sprache zu verändern, Alain de Benoist, der die neue Rechte auf Ideen der Linken gründet, auf den Tagebüchern von Gramsci, der die kulturellen Praktiken der Arbeiter:innen ins Zentrum rückt, die Intellektuellen in die Pflicht nimmt, auf der Ebene der Arbeiter:innen mit ihnen zu sprechen, ihnen zuzuhören, sie mitzunehmen, aktiv sie miteinbeziehen, sprechen und den vorpolitischen Raum betont, der erobert werden muss, bevor, Moment, das schreiben wir groß, BEVOR die Revolution auf politisch/parlamentarischer Ebene stattfinden kann, muss die Lebenswelt erobert, müssen die Stammtische umgepolt, muss die Lebenswelt der Arbeiter:innen ins Zentrum, muss das Gefühl, das Sentiment und das Empfinden der Arbeiter:innen, die sich natürlich missverstanden fühlen, weil sich ja meistens alle missverstanden fühlen, in einem System, in dem Entfremdung immerhin die Basis hier von Produktion, muss das Gefühl ins Zentrum - ja das sagt die Nouvelle Droitte schon seit den 80ern - dem Jahr, in dem in Ö die FPÖ von Rot in die Regierung und jetzt staunen alle

Die Diskurse gesprengt, die Öffentlichkeit zerstritten, die Sprache vergiftet, der vorpolitische Raum eine einzige große Wunde

und alle Gefühle liegen blank

und jede:r gegen jede:n

und die Spaltung befeuert immer nur die Spalter:innen

und ja, denkt Hydra sich, ich gebs zu, ein bißchen macht es mich müde

die Analysen in schöne Worte, die Erklärungen am laufenden Band, die kleinen Menschen und ihre Sorgen, die wieder und wieder beschworen und gleichzeitig gerechtfertigt und die ökonomischen Prozesse, die mittlerweile völlig freidrehen

Weil es in Wirklichkeit ja nämlich so ist: Man schaut eine Weile vom Rand rein in die sogenannte Gegenwart, man schickt die Sprache da rein, dann läuft sie wieder zu einem zurück aber so dermaßen vollgehängt mit ziemlich hohen, ziemlich hohlen Girlanden, dass man nichts mehr mit ihr zu tun haben will.

Muss man aber.

Irgendwie muss man ja doch mit allem zu tun haben, vielleicht am wenigsten mit sich selbst da am Rand da, der mit nichts zu tun hat, der als Beobachter:innenposten aus allem fein raus ist.

Wusstet ihr, fragt Hydra dann dazwischen vom Beobachtungsposten aus, mit historischem Feldstecher und Geschichtsbuch in den Armen: 1920, Weimarer Republik, die Geschlechterrollen wurden in Theater, Kleinbühnen und Kabaretts durcheinander gebracht, die Sozialwissenschaft formulierte öffentliche Missstände, die Arbeiter:innen erhielten das erste Mal Wohnraum und Rechte, sprich: nach der Monarchie breitete eine Welt der sichtbaren Vielfalt sich aus, das Angesicht von Vielfalt, von neuen Sichtbarkeiten, von neuen Räumen, liest Hydra bei Stefan Zweig vor und blättert um:

und es folgte Angst, Unsicherheit und Misstrauen in den Eliten und es folgte: eine konservative Revolution. angeführt von einer verängstigten Elite, die um ihre Privilegien bangte, unterstützt von Faschisten, die von der Spaltung sich nährten.

two steps forward and three steps back - alright.

Von daher:
Ja, wir sind da.
Sind zurück.
Back to the future of our past.
Back to the game.
Das ist kein Spiel. Es geht um Leben und Tod.

Und wir brauchen Koalitionen.

Wir brauchen den vorpolitischen Raum.

Wir brauchen die Sprache.

Und es wird dauern. So müde können wir nicht sein - es wird dauern und es wird erstmal nicht klappen, und es wird noch länger dauern, und es wird uns müde machen, vielleicht auch Angst, vielleicht auch Verwirrung stiften, vielleicht werden wir auch alles bezweifeln - so what