09. Juni 2024

Ein Männlein steht am Straßenrand, im Tumbleweed, im Vorstadtmief, steht, zwischen Kontinenten, neben Highways, Vorgärten, steht mitten im American Dream, daneben eine Frau, die alle kennen, die so kaum wer kennt.

Egal.

Das Männlein also steht, stolz, wie es nur ein Männlein kann, ein Männlein das auch einen Namen hat, so ein Männlein, ein richtiges Männlein, das sich selbst ein Gott ist und sonst niemensch, und sonst keiner. Nichts da, an das sonst noch zu glauben wäre, und wenn da doch was ist, dann ist das auch egal. Egal. Steht also da das Männlein wie ein Männlein das auch einen Namen hat und das sich selbst ein Gott und das im Namen Gottes also, ja, an diesem späten Julimorgen, steht und schaut, es rückt den Cowboyhut zurecht, es ist so einer, den man nicht erfinden kann: Er, um die Sicherheit der anderen besorgt, er, Polizist in Rente, er, der Straßenpreacher straight from Tennessee, der nicht weiß, was ein Uterus so genau, oder auch wo er aufzufinden wäre, so konkret, aber er weiß, was reicht, und das, was er weiß, das reicht ihm, das reicht doch, wenn man auf den sogenannten Frauenkörper zeigen kann, weil man ihn erkennt, weil man ihn daran erkennt, wie er vor einem wegläuft, dieser sogenannte Frauenkörper, der Frauenkörper sein muss, denn sonst wäre er nicht hier, sonst wäre sie nicht hier. Hier ist nicht ihr Gebiet, ist sein Gebiet, und er, der nicht nur Männlein ist, sondern auch einen Namen hat, hat einige an Namen zu verschenken, die sie, die Frauenkörper, nicht hören wollen, die sie hören müssen. Aber nur wenn sie genau hinhören, denn Wendell glaubt schließlich an friedlichen Protest, auch wenn er nicht muss, Wendell glaubt nicht an Kondome, das muss er nicht, weil er ja einen Namen hat.
Wendell steht am Straßenrand, sagt, der Uterus der wäre Gott zu überlassen
Steht da an diesem Morgen Mitte Juli vor der Klinik outside of Atlanta
Steht da und könnte auch woanders stehen
Könnte auch in Polen stehen oder in Ungarn
Könnte auch in Italien Frankreich Deutschland stehen oder Österreich oder sonstwo wo man vor sich hersagt, dass die Demokratie noch nicht gefährdet, dass die immer noch ein Ort, so ein richtiger OrtOrt, diese Demokratie, und dass die Widersprüche innerhalb, dass die innerhalb natürlich, ja, und dass die auszuhalten, ja deswegen, und weil er rechtens und rechts außen auszuhalten ist, weil er immer innerhalb, weil dieses Innerhalb so ausgeleiert, weil es selbst so außer sich, dass da gar kein Außen mehr, dass das einzige an Außen, was da bleibt, noch was, was eigentlich mal innen, dass Außen das, was sich außen halten lässt, sich raushalten lässt mit allen Waffen die so zur Verfügung stehen, also, Wendell also steht so da, steht da geklammert an sein Schild, dabei braucht er nichts, um sich hier zu schützen, wo ohnehin fast alle seiner Meinung sind, und wer immer austeilt, der steckt ohnehin nichts ein.
Wendell steht am Straßenland und spricht ins Mikrofon, das man ihm hinhält, während seine Frau sich um die Kinder kümmert, die sich um die Transparente kümmern, elf Kinder und elf Sätze, die alle dasselbe meinen, die alle nichts bedeuten, aber das Hochhalten bedeutet was, das ein Hochhalten von Werten sein soll, und ein Kleinhalten ist. Ein Kind kommt, steht da, neben dem Vater, neben dem es keinen anderen und auch sonst nichts gibt, steht da, natürlich eine Tochter, sie wird bald heiraten, wie er erklärt, wie er erklärt jetzt betet er dafür, dass Gott ihr zwanzig Kinder schenkt. Ihr Alter das erklärt er nicht, aber ein Sohn, der hat, schon seit er achtzehn ist, seiner Frau wiederum auch jedes Jahr ein Kind, schon schön, Wendell nickt, nickt den Frauen zu, die vorbeigehen, schreit nicht, denn es ist ein friedlicher Protest, und friedlich soll der Kontinent gerettet werden, wie alle anderen, gerettet und geschützt, gereinigt, getreten, geschlagen, umgebracht, ausgeräumt, die Worte scheuen die alte Sprache, die Sprachorgane haben immer neue Worte parat, die immer noch das alte meinen.

Ein Männlein steht also am Straßenrand, Jane Roe steht daneben, im Tumbleweed, im Vorstadtmief, steht zwischen Geschichte und Geschichten, steht in den hellsten Ecken der Frauenbewegung und in den dunkelsten Ecken dieser Operation, Amerika zu retten, Amerika und alle anderen Länder gleich mit. Keine Bewegung von hier nach dort, aber eine mit klarer Linie, immer nach rechts, die von überall aus aufbrechen kann, die nicht von überall aus aufgebrochen ist, natürlich nicht, auf ihrem Kreuzfahrtschiff der Liebe, mit dem Geist der Aufklärung, egal, tja, wer die Macht hat, der ist klar im Vorteil, denn immer muss ja irgendwas gerettet werden, oder irgendwer, muss vermessen und betreten, muss getreten werden und ausgeräumt, entdeckt und entblößt, aufgeteilt, eingeteilt, eingepasst.
Jane Roe, steht also da am Straßenrand, sie, die alle kennen und die keiner kennt. Während andere dastehen und protestieren steht sie daneben, steht sie als Bild daneben, erst die eine Seite, dann die andre, erst Grundsatzentscheidung zum Abtreibungsrecht und dann Gegenprotest, tja, wer flexibel bleibt ist klar im Vorteil, denkt Jane Roe, die keiner kennt und die deswegen alles denken kann, für alle, denkt an die Zeit in welcher sie in Texas in der Klinik, in der sie ihre Arbeit in der Klinik, denkt an die Proteste davor, denkt wie man sie anspricht, denkt an ihre eigene Jugend, denkt an Bibelcamps und conversion therapy, denkt an das was nicht ihr passiert, das, was erst kommen, was nach ihr kommen wird, denkt an ihren Körper, der immer das bleibt, was er gemacht worden ist, ein zweidimensionales Dings, das man so oft gedruckt, so oft kopiert hat, bis davon nichts mehr übrig, denkt an ihren Körper, den man in eine Form presst schon als Kind, denkt dran, wie sichs anfühlt, wenn man die, die die man liebt, nicht lieben darf, wenn man nicht anders lieben kann, denkt an Vernunftehen, Zwänge, dass was in den Körper eindringt, auch wenn du dich wehrst, denkt, wie sie sich zum Opfer macht, zum Opfer der Feministinnen und zum Opfer der selbsternannten Lebensfreunde, die ihre Pamphlete in angstschweißnasse Hände drücken oder auf den Tischen zurücklassen im Restaurant, denkt, wer ihren echten Namen kennt, denkt, wer ihren andren Namen kennt und auffüllt mit allem was da reinpasst, das war ja einfach, sie denkt an sogenannte Ränder und angebliche Hufeisenformen, denkt an Rechte und Ultrarechte, Rechtspopulisten und Rechtsextremisten, denkt, dass die Grenze etwas verschwimmt, denkt wieviel wert eigentlich so ein Körper der kein Panzerköper, denkt wie etwas rückgängig zu machen wenn es mal in Kraft, denkt an verschobene Diskurse vorpolitische Räume denkt an Körper in Formationen Formaten in Form gepresst denkt abortion pills as controlled substances denkt Greg Abbott Heartbeat Bill denkt, wenn ein Herz schlägt ist das Leben kostbar, ist dieses Leben immer kostbarer als das Leben derer die man vergewaltigt hat, die vergewaltigt wurden, kostbarer als die, die überlebt haben, die ihre Männer überlebt haben, ihre Onkel, Brüder, Väter, die klagbar sind, wenn sie sich wehren, die verklagt werden, verklagt werden können, vom Staat, von allen, die von allen verklagt werden können, die sich dazu berufen fühlen, die von allen verklagt werden werden, weil sie überleben wollen, denkt, was sie bedeuten mag, die sogenannte Freiheit eines sogenannten Menschen. Sie steht also da, daneben, als das Urteil gekippt wird, und der ehemalige Präsident feiert, und der vermutlich zukünftige Präsident feiert, den nichts vom Feiern abhält, keine Verurteilung, kein Faktum, kein Argument, der nichts von Wissen hält, nichts von Selbstbestimmung, außer von der eigenen, von der hält er ziemlich viel, die lässt er sich ziemlich was kosten, das Schweigen lässt er sich ziemlich was kosten, aber Wissen, dass öffentliches Wissen unbezahlbar, daran hat er nicht gedacht. Jane Roe steht da, steht neben ihm, als das Urteil verkündet und nicht geschwiegen wird, steht, während weiterhin geschwiegen wird und weiterhin geredet, steht neben Militanten, and the penalty could be anything, steht neben Akademikerinnen, Anwaltspersonen, from nothing if she was truly innocent, steht zwischen Richtern, to a fine or community service, und yes, to jail time and even the death penalty, steht in diesem sogenannten Innerhalb, zwischen Bildern glücklicher Kernfamilien und rechter Feministinnen, zwischen TradWifeReels und Tötungsabsichten mit Beautyfilter, steht zwischen Bildern die alle immer ins Innerhalb passen, weil ein Bild ist ein Bild ist ein Bild ist immer nur ein Bild, ein Bild schlägt nicht, packt nicht, macht nichts, ein Bild ist da bleibt immer, schön

Soundtrack /Coco Peila: I am Jane Roe


Gerhild Steinbuch — geboren 1983 in Mödling (Österreich), lebt in Berlin. Studium Szenisches Schreiben in Graz und Dramaturgie an der HfS Ernst Busch, Berlin. Arbeitet sowohl allein an Essays, Prosa und Theatertexten als auch im Kollektiv Freundliche Mitte, sowie als freie Dramaturgin.